Ascheregen – Eine Gastautor Fan-Fiction
03.04.2026
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21:27 Stuttgart-Reutlingen

Picasso stieg die Stufen zu Sandys Wohnung hoch, in der Hand einen Plastikbehälter mit billigem Chinesischen Essen. Er schloss die billige Sicherheitstür auf und trat in die kleine Wohnung. Sandy hatte ihm den Schlüssel erst vor ein paar Tagen gegeben. Sie stand in der Küche und werkelte herum. „Hallo, Chispita!“ sagte Picasso als er sie von hinten in die Arme nahm. Sie schmiegte sich an Ihn. „Amó, schön das du hier bist“ „Ich hab chinesisch mitgebracht“ „Ah, du bist der beste, ich hab wahnsinnigen Kohldampf“ Wenn Sandy müde war, kam ihr leichter italienischer Akzent stärker hervor.
„Du arbeitest zu viel! „ sagte Picasso als er den Tisch mit den Plastiktellern deckte. „Was soll ich denn machen, Amò? Ich brauch das Geld. Wir wollten die Access-Implantate doch zusammen kaufen. Und ich muss noch die Sache abbezahlen von früher. Cazzo! Ich müsste noch viel mehr arbeiten!“ entgegnete Sandy gereizt. Sie atmete tief durch „Entschuldige, war ein langer Tag. Wie wars bei dir?“ „Nicht so lang wie bei dir, offensichtlich. Wobei, du kennst doch die Gasse, die ich immer als Abkürzung nehme… „Pablo! Che cazzo fai? Was machst du? Wir haben doch schon so oft drüber gesprochen. Da ist es gefährlich!“ Ohoh, hätte ich blos nix gesagt „Sandy, schau…“ „Nix, schau! Ich will dich nicht aus dem Leichenschauhaus abholen. Die Gasse ist scheißgefährlich“ Sie musterte Picasso. „Pablo, ich liebe dich, aber manchmal….“ Sie ließ einen Schwall italienischer Flüche los, bei dem Picasso die wenigsten kannte. Als sie kurz Luft holte, grätschte er dazwischen: „Sandy, mir passiert schon nichts. Ich bin da aufgewachsen, ich kenn mich aus!“ Als er ausgeredet hatte, sah er Sandys Blick. Fak, hätte wohl besser meine Klappe gehalten

„Was sagst du da? Du kennst dich aus? Dir passiert schon nix. Ma va fanculo! Du hast Blut am Kragen! Denkst du, ich hab nichts gemerkt? Was ist passiert, Pablo Menedez? Wo bist du reingeraten?“ Picasso klingelten die Ohren. So laut ist sie noch nie geworden. Ich sollte mich entschuldigen.

„Sandy, schau…“ Sandy holte wieder Luft, aber Picasso redete schnell weiter: „Ich wollte so schnell wie möglich bei dir sein, wirklich! Es tut mir leid! Ich wollte nur schnell zu dir! Wir haben uns schon so lange nicht mehr gesehen.“ „ Und dann kannst du nicht zehn Minuten länger warten? Wenn du tot bist siehst du mich nie wieder!“ „Ich werde dich als Geist heimsuchen, dann kann ich dich immer sehen.“ grinste Picasso. Sandy versuchte noch kurz sauer zu schauen, dann musste sie lachen „Pablo, du bist ein Arsch“ sagte sie, hob aber die Arme um ihn zu umarmen. Picasso nahm sie in seine Arme und strich ihr übers Haar. „Ich liebe dich, tut mir leid“ „Ti amo, Pablo! Ich dich auch“ Nach dem Essen saßen die beiden in dem winzigen Wohnzimmer auf dem viel zu großen Sessel und schauten irgendeinen Feed. Picasso genoss die Zweisamkeit, aber da war im Hinterkopf. Diese Sache…

„Sandy? Hey, Chispita.“ Sie mag es wenn ich spanisch spreche, auch wenn ich’s eigentlich nicht kann. Sandy rührte sich nicht, sie schlief tief und fest. „Hey…“ Sandy murmelte etwas. „Sandy, ich muss dir was sagen“ Er spürte wie sich sich versteifte. „In der Gasse…da war noch was…Ich hab da was gefunden…“ Mit einem Ruck richtete Sandy sich auf. „Was?“ Er sah es in ihr brodeln. „In der Gasse… da war jemand. Ein Kontraktor. Er war… nun ja, er war am verrecken.“ „Pablo…“ Sie betonte es wie eine Drohung. „Er hat mir was gegeben. Einen Datenstick. Von ZF Biodyne.“ Stille. „Sag mir, dass du ihn weggeworfen hast.“ Picasso schwieg.

„PABLO! Sag mir, dass du ihn weggeworfen hast!“ „Ich dachte man kann das Ding oder die Daten verkaufen. Wir hätten das Geld für die Implantate zusammen. Und du kennst Leute…Du warst ja mal…“ „Denkst du, ich kann da wieder hin? Ich hab mich gerade erst da freigekauft! Ich hab mir die ganze Drohner-Scheiße rausnehmen lassen, damit ich ein normales Leben haben kann. Und du willst, das ich mich wieder bei den Verrückten melde? Die bringen mich um! Oder schlimmer, zwingen mich wieder Drohnen zu steuern“ Picasso sah echte Panik in Sandys Augen. „Niemand sagt, du sollst beim Chromkult anrufen“, versuchte Picasso sie zu beruhigen. Aber du kennst Leute, die sich mit Technik auskennen. Ich kenn nur jemanden, der dir die besten Restaurantmülltonnen sagen kann.“ „Pablo…ich kann…ich kann nicht!“ flüsterte Sandy leise, sprang auf und rannte in ihr Schlafzimmer. Na toll, jetzt hab ichs verkackt! Was mach ich denn jetzt? Er dachte nach. Wenn er vielleicht jemanden von früher den Namen eines Hehlers aus den Rippen leiern könnte. Ich müsste mich nur zwischen Mülltonnen prügeln. Er seufzte, stand auf und klopfte an der Tür. „Sandy? Darf ich reinkommen? Denk doch mal an die Möglichkeiten. Wir können uns dann Access-Implantate kaufen. Nicht den gebrauchten Kram, das neue von Bosch! Damit starten wir dann durch. Keine Scheiße aufwischen mehr für mich und du musst dir nicht mehr von irgendwelchen Besoffenen an den Arsch fassen lassen! Sandy, komm lass uns drüber sprechen…“

Sie öffnete die Tür und sah ihn an. „Pablo, ich möchte ein Access-Implantat ebenso wie du, aber…“

Er zuckte mit den Schultern. „Konzerne verlieren ständig Daten. Die schreiben das ab.“ „Che merda, Pablo! Was soll ich jetzt tun? Will ich ein Implantat, hab ich ja fast keine Wahl.“ Sie lief in dem kleinen Zimmer hin und her. „Und du bist sicher, dass da nix besonderes drauf ist? Einfach zu verkaufen? Sag mir die Wahrheit!“ „Ja“ , sagte Picasso. „Er ist einfach zu verkaufen, Konzerne schreiben die Daten einfach ab! Da ist sicher nix wichtiges drauf!“ Deswegen schicken die auch einen Auftragskiller hinterher! Weil absolut nix wichtiges da drauf ist. Nur schnell loswerden, das Ding! Sandy war nicht ganz überzeugt, hatte aber ihr Handy schon in der Hand. „Einen Versuch, wenn wir nicht sofort einen finden der das Ding kaufen will, werfen wir es weg!“ „Alles klar, so machen wirs“ erwiderte Picasso.

22:08 Stuttgart-Metzingen

Was für ein Loch! Sie standen in einer Bude, die selbst für Picassos niedrige Ansprüche arg verranzt aussah. Verdorbenes Essen füllte den Raum mit einem stechenden Müllgeruch. Die einzige saubere, aufgeräumte Stelle in dem winzigen Appartment, war der Interface-Stuhl mit dem darüber angebrachten Bildschirm in einer Ecke. Auf dem Stuhl lag Virus. Zum Glück hatte Sandy noch einen Gefallen offen bei ihm! Es war ganz einfach gewesen: Sandy hatte kurz telefoniert, dann waren sie mit dem Bus hierher gefahren. Die ganze Zeit über hatte Picasso das Gefühl eine Zielscheibe auf dem Rücken zu haben. Es juckte unangenehm zwischen den Schulterblättern. Sandy war die ganze Fahrt über sehr einsilbig gewesen.

Es muss sie wahnsinnige Überwindung gekostet haben, dachte Picasso. Als er sie gefragt hatte, wie sie so schnell einen Kontakt aufgetrieben hatte, sah sie ihn nur lange an, seufzte und packte ihre Sachen zusammen. „Kommst du?“, fragte sie als sie fertig war. Viel mehr hatte sie seitdem nicht mehr gesagt. Was hast du früher gemacht? In seinem Stuhl zuckte Virus zusammen. Das hatte er in den letzten 10 Minuten öfters gemacht. „Alles ganz normal“, hatte er versichert, nachdem er die Daten kopiert und Ihnen Stick zurückgegeben hatte. Sandy fröstelte trotz der Hitze, die von dem Stuhl ausging und schmiegte sich an Picasso. Sie saßen auf der einzigen Sitzgelegenheit, einem dreckigen Sessel, der auf der anderen Seite des Zimmers an einen verdreckten Fenster stand. Immerhin ist sie nicht sauer auf mich.

Eine Stimme kam über einen kleinen Lautsprecher, der vor Ihnen stand. „Nur noch ein paar Sekunden“ tönte es blechern. Wenig später bewegte sich Virus und richtete seinen ausgemergelten Körper in eine aufrechte Sitzposition auf. Die Verbindung zum Interface-Stuhl ragte noch aus seinem Schädel und verschwand irgendwo hinter ihm. „So, fertig! Das war heftig verschlüsselt. Ihr könnt froh sein, dass ich Sandy noch was schulde, sonst könntet ihr euch ich nicht leisten. Ich musste mich da durchkämpfen.“. „Das hast du gut gemacht, danke Dir“. Sandy sprach die Worte in einem Ton aus, als ob sie mit einem braven Hund oder einem kleinen Kind gesprochen hätte. Unwillkürlich musste Picasso ein Lachen unterdrücken. „Ja..ahem..danke“, sagte er. „Kannst du uns jetzt zeigen was auf dem Stick drauf ist? Kann man das verkaufen?“ Picasso merkte selbst, wie ungeduldig er klang. „Immer mit der Ruhe, Bruder. Ich hab die Daten nur entschlüsselt. Mehr nicht. Ich schaue immer zusammen mit meinen Kunden darauf, damit die nicht glaube ich würde sie bestehlen. So, wollen wir?“ Virus Augen zuckten kurz und der Bildschirm über dem Stuhl ging flackernd an. Der Geruch nach Müll wurde stärker, als Virus aus dem Stuhl aufstand und sich umdrehte um den Bildschirm an zu schauen. Das war nur Show, wusste Picasso. Virus konnte die Daten auch so sehen.

*Oh Gott, er stinkt so schlimm. Warum stinkt der so?“

„Also“ setze Virus an. „Was haben wir denn hier?“ Auf dem Bildschirm lief Reihe um Reihe Code, ab und zu unterbrochen von einem Schaubild oder einer Grafik. Es war zu schnell für Picasso, Sandy schien ebenfalls verwirrt zu sein. Eine Weile ging es so weiter, bis sich Virus plötzlich versteifte. “ Wo habt ihr das her? Wisst ihr was das ist?“ Seine Stimme klang ein bisschen schrill, fand Picasso. „Ich hab den Stick einem toten Kontraktor abgenommen. Ich weiß nicht was da drauf ist, ich dachte du könntest uns das sagen.“erwiderte er.
Virus drehte sich um, seine rotgeäderten Augen direkt auf Picasso gerichtet. „Das ist die größte Sache, die ich jemals gesehen habe. Größer als…als…der Kollaps!“ „Größer als der Kollaps?“ Sandy schaute Virus mit großen Augen an. „Das kann nicht sein!“ „Auf andere Art größer!“ In Virus‘ Stimme schwang echte Angst mit. „Wie groß genau?“ Picasso konnte nicht verbergen, wie sehr er sich freute.

Ka-Ching! Endlich passiert mal was richtig Gutes! „Die Daten müssen ja dann eine ganze Menge wert sein!“

„Verkaufen?“ Virus lachte schrill. „Ihr könnt froh sein, dass ihr noch nicht tot seid!“ Sandy versteifte sich neben ihm. „Was ist denn da drauf?“ Virus starrte auf den Bildschirm, seine Augen zuckten, als würde er die Daten noch einmal überprüfen. „Die Formel. Syntehtisches Vulkarium“, flüsterte er. „Cazzo!“ Sandy sprang auf. „Ma va fanculo! Du verarschst mich! Niemals ist das da drauf!“ „Was zur Hölle ist Vulkarium?“ Picasso sah zwischen den beiden hin und her. Warum flippen die so aus?
„Könnt ihr mir erklären, was mit euch los ist? Pablo hatte lauter gesprochen als beabsichtigt „Das Zeug aus den Kratern“, sagte Virus. „Nach dem Kollaps. Das—“ „Das weiß doch jedes Kind!“ Sandy fuhr sich durchs Haar. „Ma dai, Pablo! Sowas lernt man in der Schule!“ „Sandy, du weißt ich bin nie über die dritte Klasse hinausgekommen!“ Sie atmete scharf aus. „Certo, aber…“ Sie ging zum Sessel,setzte sich wieder, ihre Hände zitterten leicht. „Nach dem Kollaps, als Italien… als die Vulkane…“ Sie schluckte. „In den Kratern fand man ein neues Mineral. Vulkarium.“ „Und?“ Picasso verstand noch immer nicht. Er ging zu Sandy, kniete sich hin und hielt ihre Hände fest „Moderne Cyberware“, Virus tippte sich mit einem metallischen Klicken gegen den Kopf. „Alles. Verzögerungsfreie Nervenimpulse, keine Abstoßung. Ohne Vulkarium wäre das hier“ er deutete auf seinen Interface-Port, „nicht möglich. Wir würden noch mit den alten Krücken rumlaufen, die einen in zwei Jahren umgebracht haben.“ „Die Access-Implantate…“, murmelte Picasso. „Alles Vulkarium“, bestätigte Sandy leise. „Jedes Implantat braucht es. Aber es gibt nur
begrenzte Vorkommen. In Italien. Die Konzerne kontrollieren alles.“ „Und das hier“, Virus deutete auf den Bildschirm, seine Stimme wurde wieder schrill, „ist eine Formel. Um es künstlich herzustellen.“ Die Worte hingen in der stickigen Luft. „Merda!“, flüsterte Sandy.

Picasso dämmerte es langsam. Fak! „Wer das hat…“ „…kann Cyberware für billig produzieren“, Virus atmete tief durch „Oder…“ er lachte bitter, „die ganze verfakte Weltordnung umkrempeln. Die Kons werden sich gegenseitig zerfleischen um an die Formel zu kommen. Jeder will sie haben. Die Kons sind…“

Die Tür flog auf, ein roter Punkt erschien auf der Nase von Virus, ein Geräusch wie ein Husten, dann faltete sich das Gesicht von Virus nach innen, seine Verbindung zum Interface-Stuhl flog in einem grau-roten Schauer nach hinten raus. Virus sackte zusammen und rührte sich nicht mehr. Picasso hatte nachdem die Tür aufgeflogen war, Sandy gepackt und sie und sich hinter dem Sessel geworfen. Scheiße, Scheiße, Scheiße!

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