Ascheregen – Eine Gastautor Fan-Fiction
03.04.2026
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Stuttgart-Metzingen 22:23

„Signora, Signore, bitte leisten Sie keinen Widerstand!“ Die Stimme hatte einen italienischen Akzent und klang erstaunlich warm. “ Wenn Sie mit erhobenen Händen rauskommen, geschieht keinem mehr etwas!“ Picasso hatte die Hände um Sandy geschlungen. Sie hatte die Augen weit aufgerissen und zitterte am ganzen Leib. In der Tür erschien eine riesige Pistole. An der Pistole hing ein Arm in einem dunklen Anzug. Nach und nach schob sich ein riesiger Mann durch die Tür. Der Anzug setzte sich über die kompletten 2 Meter Größe fort und war makelos. „Signora, Signore, ich bitte Sie, kommen Sie mit erhobenen Händen raus“ Ja sicher, Bruder! Picasso hörte ein leises Summen. Sein eigenes Blut in den Ohren. Der Geruch von Müll, Ozon, Blut. Virus lag irgendwo vor ihnen, reglos. Ferro. Die Gasse. Der Stick!
Der lässt uns nicht gehen.

Sandy flüsterte etwas. Er verstand es nicht. Ein Schritt. Leise. „Signora…“ Picassos Finger schlossen sich um Ferros Waffe. Er wusste nicht einmal mehr, wann er sie gezogen hatte. Seine Hand zitterte. Sandy schrie! Kann ich überhaupt schießen? Hab ich noch nie gemacht. Scheiße, scheiße… Ein Schritt. Leise, aber näher. „Signora, ich möchte nicht unhöflich werden…“ Sandy flüsterte etwas. Er verstand es nicht. Ihre Finger krallten sich in seinen Arm. Der Mann kam näher. Picasso sah den Schatten über den Sessel kriechen

Ein Knall, ohrenbetäubend in dem kleinen Raum. Der Rückstoß riss ihm den Arm hoch. Etwas splitterte. Ein scharfes Geräusch, ein maschinelles Jaulen.

Ein zweiter Schuss. Picasso hob den Kopf und sah den Mann der auf dem Boden kniete und sich das Bein hielt. Blut quoll zwischen den Fingern des Mannes hervor. Dunkles Blut, wie Ferro. Offensichtlich hatte Picasso getroffen. Der Interface-stuhl überschüttete den Raum mit Funken und Rauch. Den hab ich auch getroffen! Raus hier! Er schnappte sich Sandy und sprang mit ihr aus dem Fenster. Sie landeten auf der Straße, ein Schmerz zuckte durch Picassos linkes Bein. Schnell! Er zog Sandy auf die Beine, schob sie, zerrte sie tief in eine Gasse. Danach weiter, immer weiter. Wohin? Fak, wohin?

Stuttgart- Reutlingen 22:56

Sie waren in einem Access-Cafe in einer Seitenstraße gelandet. Picasso hatte sie beide durch die Hintergassen und verborgenen Wege, die er kannte bis hierher gebracht. Bis sein Bein streikte. Der Schmerz war beinahe unerträglich, aber er schaffte es. Sandy und er waren in einer Box mit einem schmierigen Interface-Stuhl. Es roch nach billigem Kaffee, ungewaschenen Körpern und Hoffnungslosigkeit. Von Zeit zu Zeit ertönte ein lustvoller Schrei, wenn jemand 4D-Pornos schaute. Picasso ließ sich in den schmierigen Interface-Stuhl fallen und unterdrückte ein Stöhnen. Sein linkes Bein fühlte sich an, als hätte jemand einen glühenden Draht durchgezogen. Sandy stand noch. Lehnte gegen die Wand der Box, ihre Hände zitterten. Die Augen waren weit, starrten auf einen Punkt in der Ferne, den nur sie sehen konnte. Virus’ Gesicht. Einfach… weg. Ferro in der Gasse. Der Stick. Die Waffe in meiner Hand. Sein Magen krampfte sich zusammen. Er übergab sich – chinesisches Essen, Gallenflüssigkeit. „Sandy?“ Picassos Stimme brach.

Sie reagierte nicht. Picasso rutschte vom Interface-Stuhl. Sein Bein gab nach, und er landete hart auf dem klebrigen Boden. Vor Schmerz wollte er sich wieder übergeben. „Sandy, wir müssen… wir müssen hier weg. Wir müssen…“ „Ich hab’s dir gesagt.“ Ihre Stimme war flach. „Ich hab dir gesagt, die Gasse ist gefährlich.“ „Ich weiß, ich…“ „Ich hab’s dir gesagt, Pablo.“ Lauter jetzt. Sie drehte sich zu ihm um. „Und du bist trotzdem… und jetzt ist Virus tot!“ „Sandy, es tut mir…“ „Er hat sein Gesicht weggeschossen, Pablo! Einfach… einfach…“ Ihre Stimme überschlug sich. Sie presste die Hände auf den Mund, als könnte sie die Worte zurückhalten. Als könnte sie das Bild zurückhalten. Aus der Nachbarbox kam ein Stöhnen. 4D-Porno. Jemand lachte. Sandy starrte in die Richtung des Geräuschs. Dann begann sie wie wahnsinnig zu lachen. „Die… die ficken da drüben und wir… wir…“ Sie rutschte an der Wand runter. Landete auf dem Boden. Sie schlang die Arme um ihre Knie und wiegte vor und zurück. „Cazzo. Cazzo. Cazzo.“

Picasso kroch zu ihr. Sein Bein sang vor Schmerz und er bemerkte die klebrige Flüssigkeit, die seinen Overall durchnässte. „Sandy…“ „Geh weg.“ „Sandy, bitte…“ „ICH HAB GESAGT, GEH WEG!“ Sie schlug nach ihm. „Das ist alles deine Schuld! Alles!“ Picasso erstarrte. Was soll ich sagen? Sie hat recht! „Ich wollte nur…„Ich wollte nur schnell zu dir. Ich hab nicht… ich wusste nicht…“ „Du wusstest nicht.“ Sandy lachte wieder. „Du wusstest nicht. Aber ich hab’s dir gesagt. Ich hab immer… ich versuche immer…“ Sie verstummte. Sie weinte still. Eine Kaffeemaschine verströmte einen verbrannten öligen Geruch. „Ich wollte raus“, flüsterte Sandy. „Aus der ganzen Scheiße. Raus aus dem Chromkult. Weißt du was die da für eine Gehirnwäsche betreiben? Das was dort auf dem Stick ist, ist für die sowas wie ser heilige Gral. Billige Cyberware zum selber drucken. Scheiße, Pablo! Ich hab mir die Implantate rausnehmen lassen, bin ausgestiegen. Hab drei Jahre gebraucht, um die Schulden abzubezahlen. Drei Jahre, Pablo.“ Sie strich sich über die feinen Narben an ihrem Haaransatz.

„Ich weiß…“ „Und jetzt bin ich wieder drin.“ Sie sah ihn an. Ihre Augen waren leer. „Wegen dir! Wegen diesem verdammten Stick.“ Picasso öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. Das wollte ich nicht! „Das wollte ich doch nicht!“ Er war lauter als beabsichtigt. „ Ich wollte, dass wir eine Zukunft haben, das wir…“ Sandys Gesicht rutschte plötzlich nach oben weg und alles wurde dunkel.

Stuttgart-Reutlingen 23:07

Picasso erwachte, als sengender Schmerz durch sein Bein schoss. Er schrie auf und fuhr hoch. „Scheiße, Pablo! Mach sowas nicht nochmal! Ich dachte, du stirbst!“ Sandy kniete neben ihm, ein Erste-Hilfe-Kasten neben sich. Sie hatte ihm das Bein verbunden und eine Schiene aus medizinischen Schaum angesprüht. Ihre Hand hatte die Dose so fest umklammert, dass ihre Knöchel und Finger weiß waren. „Sandy“ sagte er schwach. „Es tut mir leid.

Sandy beachtete ihn nicht. „Ich habe meine letzten Euros am Automaten für das Erste-Hilfe-Kit ausgegeben“ Sie schaute nachdenklich auf die Sprühflasche in Ihrer Hand. „Wir sind tot! Du hast mich getötet!“ Sie fing an zu kichern. Kroch über den klebrigen Boden und drückte sich in eine Ecke“Wir sind tot!“ Das Kichern steigerte sich langsam zu einem hysterischen Lachen. “ Sandy…“ versuchte es Picasso. “ Sandy, lass uns…“ Aber Sandy war nicht ansprechbar. Sie lachte und lachte.
Ich muss sie irgendwie da rausholen
Tut mir leid, Sandy
Er holte aus, zögerte kurz. Schlage ich sie gerade wirklich? Mir fällt aber nichts anderes ein!
In diesem Moment öffnete sich die billige Papp-Tür der Kabine.

„Sie send hier schon Dreissig Minuta drinna, wenn se jetzt nix machet, dann ganget sie jetzt besser. Dui Kabine isch schon an den nägschten Kunden vermieded“
Die Frau war so alt, dass in Ihren Falten schon der Staub saß. Hinter ihr ragte ein riesiger Mann auf. „Sie werdet hoffentlich koine Probleme mache. Wenn doch, könnet se mit meinem Sohn schwätza!“ Sie deutete auf den Hühnen hinter sich

„Nur noch ein paar Minuten. Sie sehen doch es geht ihr nicht gut“ Picasso zeigte auf die inzwischen ruhige Sandy.

Die Alte ließ ihren Blick kurz über Picasso und Sandy gleiten. Ihr Blick wurde weicher. “ A viertel Stunde“ Die Tür schloss sich wieder.

Picasso kniete sich hin und packte Sandy an den Schultern. “ Wir müssen uns was einfallen lassen“
Sandy schaute Ihn mit großen Augen an. Alle Emotion kam ungefiltert bei Picasso an. All die Angst, all die Wut, all das Trauma. Dann, als ob ein Fenster zuging, waren Ihre Augen stumpf. Sie drückte sich die Wand hoch. Sie hielt die Arme um sich geschlungen, als ob sie sich festhalten wollte. Eine weitere Woge schaler, öliger Kaffegeruch mit wehte durch die Kabine. „Mir fällt nichts ein. Was könnten wir auch tun? Wir können doch den Stick nicht einfach irgendwo hochladen. Wir…“ Sie hielt inne. „Hochladen! Das ist es!“ Sie wedelte mit den Händen. “ Gib mir den Stick! Jetzt!“

Picasso kramte in seiner Tasche und gab ihn ihr. “ Sandy, was hast du vor? Du hast doch gesagt, wir können nicht…“ „Zitto!“ herrschte sie ihn an. Sie fummelte an dem Interface-Stuhl herum. Der Bildschirm sprang an und sie tippte etwas. Den Stick verband sie dem Stuhl und hämmerte weiter auf der Tastatur herum. “ Was machst du da?“ Was macht sie da? „SHHHH! Ich habs gleich!“

Sie drehte sich zu Picasso um. “ Gib ein Passwort ein! Irgendwas! Ich darf nicht wissen was!“ „Was hast du gemacht?“ „Ich habe den Stick auf einen Server geladen, gesichert durch ein Passwort! Dein Passwort! Wenn du das Passwort nicht alle 14 Tage eingibst, wird das Zeug überall hochgeladen. Jetzt mach schon! Und nicht nur ein Larifari-Passwort, das muss richtig schwer sein.“

Sie drehte sich weg. Picasso schaute Sandy mit offenen Mund an. “ Sandy, was..? Wie…?“ „Jetzt mach schon!“ Er schaute auf die Tastatur, leckte sich die Lippen, schluckte trocken. Woher weiß sie solche Sachen?

Er schaute auf den Bildschirm und zurück zur Tastatur. Dann begann er zu tippen.

Stuttgart-Reutlingen 23:21 Uhr

Sandy stand immer noch mit dem Rücken zu ihm. „Sandy? Ich bin fertig.“ Er grinste schief als er um sich um sie herumdrückte und jetzt vor ihr stand.
„Was grinst du so, Cazzo? Sie werden uns jagen! Das ist unsere Lebensversicherung!“
„Sandy, ich wollte…“

Picassos Welt wurde weiß! Seine Trommelfelle protestieren mit einem grellen Fiepen.
Er blinzelte, sah verschwommene Umrisse. Sandy! Er fasste dorthin, wo er sie vorher hat stehen sehen. Bekam eine Hand zu fassen, zog sie zu sich. Durch das Fiepen seiner Ohren hörte er Menschen schreien, dann Schüsse! Neben ihm erschienen Löcher in der Pappwand. Picasso trat die billige Tür ihrer Kabine auf, rannte los, zog Sandy hinter sich her. Die Schreie wurden lauter! Picasso drückte sich an die Wand und hielt nach einem Ausweg ausschau. Fak, ich seh nix!
Sandy klammerte sich an ihn, er konnte ihre Hand um seine Hüfte spüren. Er sah nach hinten zu ihr. Ihr Mund bewegte sich, er hörte aber nichts von dem was sie sagte. Er drehte den Kopf. Die Tür war immer noch umkämpft! Keine Chance! Wo?…Dort! Ein kleines Fenster! Sandy passte da durch, bei ihm würde es eng werden. Immer noch Schüsse und Schreie! Irgendjemand schoss zurück, Picasso sah Körper in den KonSec-Uniformen neben denen der Punks, die dem ersten Angriff im Weg gewesen waren. Das Fenster! Gerade war niemand im Weg! Er machte einen Schritt, rutschte fast auf dem Blut aus, dass unter der Tür der Nachbarkabine herauslief! Fak! Armer Kerl! Aber besser er als Sandy oder ich! Er zog Sandy hinter sich her! Beinah da! Jemand fiel ihm vor die Füße! Er stieg über den Körper, zog Sandy ohne Rücksicht hinter sich her. Nur noch ein paar Schritte! Plötzlich flog er zur Seite. Und mit Ihm der Punk, der versuchte hinter ihm in Deckung zu gehen. Sandy! Wo war Sandy. Er blinzelte, sah fast wieder normal. Dort! Sandy lag in einem Bündel auf dem Boden. Er wollte zu ihr. Machte einen Schritt nach vorne. Vor ihm brach ein Punk zusammen, der in die Schusslinie gekommen war. Blut spritze! Noch ein Versuch. „SANDY!“ Er machte wieder einen Schritt.

Picasso reagierte, bevor er die Splittergranate als eine solche erkannte. Er warf sich nach hinten, weg von dem Ding. Kroch in die kärgliche Deckung einer anderen Kabine. Der Knall raubte ihm den Atem. Er schaute um seine Deckung! Der Punk hatte sich sprichwörtlich in Luft aufgelöst. Sandy lag immer noch unbeweglich. Dann waren KonSec über ihr und legten ihr Plastikhandschellen an. Als sie auf dem Bauch lag, hob sie den Kopf und sah Picasso an. „VAI!“ rief sie lautlos in seine Richtung. Ungeheure Erleichterung brachten ihn fast dazu zu weinen. „VAI!“ Er schüttelte den Kopf. „VAI!“ Dann rissen sie die Sicherheitsleute aus seinem Blickfeld. Das Fenster war frei! Er sprintete darauf zu, riss, was vom Rahmen übrig war heraus und kletterte hindurch. Er war draussen. Auf der Straße. Alleine! Scheiße, Sandy! Es tut mir leid! Er hoffte, die KonSec würden sie schnell wieder freilassen. Schließlich wollten sie zu Ihm! Er rannte los, die Seitengasse entlang. Seine Schritte hallten in der Nacht.

Stuttgart – Reutlingen 23:45

Er rannte, bis er Seitenstechen bekam. Picasso lehnte sich gegen eine Wand und kotzte bis er Galle schmeckte. Das Seitenstechen wurde nicht besser. Fak, ich war schon mal besser in Form! Er taumelte weiter. Die Flucht hatte ihn wirklich erledigt. Picasso versuchte sich zu orientieren. Wo war er? Er lief weiter durch den einsetzenden Ascheregen.

Fortsetzung folgt…

Diese Geschichte wurde uns von IdleHirn zugesandt.

Das sagt IdleHirn selbst über sich:

Ich würfle gerne und stelle mir dabei wilde Sachen vor (D&D & andere PnP-Systeme).

Ansonsten lese ich gerne belanglose Bücher, schaue dumme Filme und Serien, um der aktuellen Weltlage zu entkommen. Ich stümpere bei meinem eigenen Papa-Blog und ab und an packt mich die Kreativität und ich schreibe an dieser Geschichte weiter.

Quellenangaben:

Fediverse-Reaktionen

Seiten: 1 2 3

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Unter dem Autor verbergen sich viele Menschen. Ihr habt die Möglichkeit euer Hobby etwas näher zu erklären oder euch etwas von der Seele zu schreiben zu eurem Hobby. Schreibt mich ruhig an für mehr Informationen.

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