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Ich bin Emilio, und ich verkaufe gebrauchte Retro-Spiele und Konsolen. Alleine. Kein Team, kein Lager, keine Halle mit Regalen. Nur ich, ein paar Handgriffe und eine Menge Geduld. Wenn Leute hören, dass ich das mache, stellen sie sich meistens einen richtigen Laden vor. Die Realität ist unspektakulärer und ehrlich gesagt auch schöner. Es ist Handarbeit, Stück für Stück.
Ich schreibe das hier nicht, um irgendwas zu verkaufen, sondern weil ich oft gefragt werde, wie so ein Ein-Mann-Retro-Handel eigentlich läuft. Also mal von vorne.
Wie das alles angefangen hat
Angefangen hat es als Hobby, so wie bei den meisten. Flohmärkte, Kleinanzeigen, das Wühlen in Kisten, bei denen man nie weiß, was drin ist. Irgendwann hatte ich mehr Doppeltes als Platz, und aus dem Verkaufen von Überschuss wurde nach und nach etwas Ernsteres. Ende 2024 habe ich den Schritt dann wirklich gemacht und einen eigenen Shop aufgezogen. Kein großer Plan, mit Businessvokabular, eher die simple Erkenntnis: Das, was ich sowieso den ganzen Tag mache, kann ich auch gleich richtig machen.
Der Unterschied zwischen Sammeln und Verkaufen ist größer, als man denkt. Als Sammler suchst du für dich nach deinem Geschmack, mit deinen Kompromissen. Als Händler bist du dafür verantwortlich, dass ein Fremder am anderen Ende zufrieden ist. Das verändert, wie genau man hinschaut. Plötzlich zählt jeder Kratzer, den du vorher weggelächelt hättest.
Warum ich bei PAL bleibe
Eine der ersten Entscheidungen war: Ich bleibe bei PAL. Das klingt nach einer Kleinigkeit, ist aber der Kern davon, wie ich für Echtheit sorge. Bei US-Modulen ist der Fälschungsanteil einfach hoch, gerade bei gefragten Titeln. Auf dem europäischen Markt kenne ich die Materialien, die Drucke, das Gefühl im Griff. Ich verkaufe echte Spiele, keine Nachdrucke, und der einfachste Weg, das sicherzustellen, ist, in dem Bereich zu bleiben, den ich wirklich beurteilen kann.
Beurteilen heißt bei mir: hinschauen, anfassen, vergleichen. Über die Jahre bekommt man ein Auge für Druckqualität, Farbtöne, die Haptik eines Labels, die kleinen Details, die eine Fälschung selten sauber hinbekommt. Bei teuren oder seltenen Stücken verlasse ich mich aber nicht nur auf mein Bauchgefühl. Dann hole ich mir eine zweite Meinung aus der Community r/gameverifying dazu. Lieber einmal zu oft nachgefragt als einem Kunden etwas Falsches geschickt.
Der Weg, den jedes Spiel bei mir geht
Jetzt zum eigentlichen Handwerk, dem Teil, den kaum jemand sieht. Jedes einzelne Teil, das bei mir reinkommt, läuft denselben Weg ab, und der ist länger, als man vermutet.
Es kommt an. Erste Sichtung, aussortieren, was gar nicht geht.
Dann die Echtheitsprüfung. Das ist der Punkt, an dem ich mir Zeit lasse. Passt der Druck, passt das Gehäuse, stimmt alles am Modul oder an der Disc? Erst, wenn ich mir sicher bin, geht es weiter.
Dann teste ich. Ich lege jedes Spiel selbst ein und spiele es an, ich schließe jede Konsole an und schaue, ob sie tut, was sie soll. Ich verspreche niemandem, dass etwas ewig hält, gebrauchte Hardware bleibt gebrauchte Hardware. Aber ich schicke nichts raus, das ich nicht selbst in der Hand hatte und laufen gesehen habe.
Dann wird geputzt. Kontakte, Gehäuse, Disc-Oberflächen. Nichts Aggressives, nichts, was Spuren hinterlässt, einfach sauber und ordentlich, so wie man es selbst gerne bekommen würde.
Dann kommt das Fotografieren, und darauf bin ich fast ein bisschen stolz. Ich fotografiere jedes Teil selbst, mit meinem eigenen Aufbau. Keine Herstellerbilder, keine geklauten Stockfotos. Was du auf dem Foto siehst, bekommst du. Genau dieses Exemplar, mit genau diesen Gebrauchsspuren, nichts Geschöntes.
Dann wird gelistet. Beschreibung schreiben, den Zustand ehrlich benennen, richtig einordnen. Und am Ende wird verpackt und weggebracht. Spiele und Anleitungen kommen eingeschweißt raus, Konsolen und Zubehör verpacke ich fest und sorgfältig, und dann fahre ich die Pakete selbst zur Abgabestelle.
Klingt nach viel für ein einzelnes Spiel? Ist es auch. Aber genau das ist der Job, und jeder Schritt, den ich überspringe, würde man am Ende sehen.
Alleine heißt: alles selbst
Das Romantische an so einem Ein-Mann-Betrieb hält sich in Grenzen. Es gibt keinen Kollegen, der den langweiligen Teil übernimmt. Der Karton mit den ungeprüften Sachen wird nicht von selbst kleiner. An manchen Tagen sitze ich stundenlang nur beim Putzen und Fotografieren, ohne ein einziges Spiel überhaupt gestartet zu haben. Das muss man mögen, sonst hält man es nicht durch.
Und trotzdem würde ich es nicht anders wollen. Weil jeder dieser Schritte in einer Hand liegt, kann ich für jedes einzelne Teil geradestehen. Ich weiß, was ich geprüft habe, ich weiß, wie es lief, ich weiß, was auf dem Foto ist. Diese Kontrolle ist der eigentliche Luxus daran, klein zu sein. Es gibt niemanden, hinter dem ich mich verstecken könnte, und das zwingt mich, es gleich richtig zu machen.
Was ich mir abgewöhnt habe, ist die Eile. Am Anfang wollte ich alles sofort online haben, jedes neue Teil am liebsten noch am selben Abend. Heute weiß ich: Ein Teil, das noch nicht durch ist, ist eben noch nicht fertig. Lieber wenige Sachen sauber als viele halb gar.
Was mich das gelehrt hat
Der Job hat mir vor allem Respekt beigebracht. Respekt vor den Dingen, die schon dreißig Jahre und mehr auf dem Buckel haben und immer noch laufen. Respekt vor der Arbeit, die in jedem einzelnen sauber gemachten Verkauf steckt. Und Respekt vor den Leuten am anderen Ende, die sich freuen, wenn ein Stück Kindheit ankommt und einfach funktioniert.
Ich bin kein großer Laden und will auch keiner werden. Ich bin einer, der jedes Spiel in der Hand hatte, bevor es rausgeht. Das ist die ganze Geschichte, und für mich ist es genug.
Quellenangaben:
Eigene Erfahrung im An- und Verkauf gebrauchter PAL-Spiele und Konsolen (seit Ende 2024). Für die Echtheitsprüfung teurer oder seltener Titel dient zusätzlich die Reddit-Community r/gameverifying als zweite Meinung.
Titelbild: eigenes Foto.
Emilio betreibt RetroSoulsBorne, einen kleinen Ein-Mann-Shop für gebrauchte Retro-Spiele, Konsolen und Anleitungen von Nintendo, Sony und Microsoft. Alles, was er verkauft, hat er selbst geprüft, getestet, gereinigt und fotografiert. Mehr unter retrosoulsborne.nl