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5.März 2065, Industriegebiet Steinlachwasen, Stuttgart-Tübingen, 20:00 Uhr
Picasso zog seine KID über das Stempelterminal. Endlich Feierabend! Er schaute durch das Fenster im hinteren Bereich der Sicherheitsschleuse. Wenigstens hatte der Ascheregen aufgehört. Es hatte den ganzen Tag diesen schmierigen, mit Regen vermischten Dreck geregnet. In der Dämmerung spiegelten sich die Neonfarben der allgegenwärtigen Holo-Werbung auf der nassen Straße und vermischten sich mit den hellen Logos der Konzerne, die auf den Gebäuden prangten. Picasso zog sich seine Jacke über den Overall, den er bei seiner Arbeit als Hausmeister bei Chiron Augmentics tragen musste. Er ging zur Schleuse und ließ sich scannen.
„N’Abend Karl, wie war der Tag?“
„I hob a Bande vo Fetza dr Arsch versohlt“
„Was?“ Picasso verstand Schwäbisch zwar, aber Karl war eine Herausforderung.
„Ich habe eine Bande von Kontraktors den Hintern versohlt“ Karl betonte jedes Wort übermäßig, sodass sein schwäbischer Akzent extra stark zur Geltung kam.
„Ah“, antwortete Picasso und lachte. Als ob der kleine, dicke Wachmann jemandem den Arsch versohlen könnte. Mit einem leisen Piepsen beendete der Scanner die Arbeit. Alles klar! Karl winkte ihn durch und sie verabschiedeten sich. Picasso trat auf die Straße und lief zur Bushaltestelle. Die Luft war angenehm, und für einen kurzen Moment konnte Picasso den Mond sehen. Seltener Anblick. An der Haltestelle warteten bereits einige müde Gestalten. Picasso nickte Ihnen kurz zu. Er wollte noch bei Sandy vorbeischauen. Sie hatte drei Doppelschichten hintereinander geschoben – heute sollte sie endlich freihaben. Er freute sich, sie zu sehen, auch wenn sie wahrscheinlich zu müde war, um zu reden. Er mochte es auch einfach bei ihr zu sein.
Picasso stieg in den Bus, der nach billigem Desinfektionsmittel und feuchten Klamotten roch. Er ließ sich auf einen Fensterplatz fallen, seine Beine schmerzten nach zwölf Stunden Herumrennen. Er lehnte seinen Kopf gegen das Fenster und ließ sich von der Holo-Werbung berieseln, während der alte Motor des Busses die Fensterscheibe beruhigend vibrieren ließ. Holo-Werbung für das neue Access-Implantat von Bosch Cybertek leuchtete an jeder zweiten Ampel. Bald. Zweihundert Euro lagen in dem versteckten Schuhkarton unter seinem Bett, nur noch achthundert Euro fehlten, und er konnte sich ein gebrauchtes Access-Implantat und die Operation leisten. Dann müsste er auch nicht mehr als Hausmeister arbeiten und könnte auch Büroarbeiten machen. Hast du Access, steigst du auf. Nicht schlecht für jemanden, der sich vor zwei Jahren noch mit anderen Pennern um die Essensreste in Mülltonnen prügelte. Der wuchernde Neon-Koloss Stuttgart zog an ihm vorbei.
Stuttgart-Reutlingen 20:55
Ein vorbeischießendes Polizeiauto riss ihn mit der lauten Sirene aus seinen Gedanken. Dem Polizeiauto folgten einige schwarze Geländewagen, auf denen das Logo der KonSec von ZF Biodyne prangte. Picasso reckte den Hals, um sich zu orientieren. Noch eine Station, dann würde er aussteigen. Er freute sich auf Sandy und das Bier.
Der Bus hielt und Picasso stieg aus. Der Geruch nach Müll und feuchter Asche überflutete seine Nase. Er bekam einige dunkle Tropfen ab und fluchte vor sich hin. Fak-Wetter! Ich mach wohl besser, dass ich zu meinem Bier komme. Er bog ab, um eine Abkürzung durch eine Gasse und ein paar Hinterhöfe zu nehmen. Hatte auch seine Vorteile, ein Straßenkid zu sein!
Picasso rümpfte die Nase. Der Gestank hier in der Gasse war schlimmer als er sich erinnern konnte. Huäh, hats schon immer so gestunken? Sandy mochte diese Abkürzung nicht. „Irgendwann“, hatte sie letztes Mal gesagt und sich auf dem Sofa an ihn gedrückt, „irgendwann kommt einer mit mehr als nur schlechter Laune.“ Picasso grinste bei der Erinnerung. Er stieg über Müllsäcke und umgefallene Tonnen und versuchte einen toten Hund zu ignorieren, der hinter einer Mülltonne vor sich hin rottete. Fak, ist das dunkel hier! Picasso steckte die Hand in seine Jackentasche und versuchte gefährlich aber ruhig und kontrolliert auszusehen. In der Tasche waren nur ein paar Kaugummi und ein kleines Klappmesser. Musste aber niemand wissen.Ihr raubt den falschen aus! Picasso verwandelte sich wieder in das Straßenkid und scannte dir Ecken und Schatten vor und hinter ihm. Wie früher. Er ging weiter in die Gasse hinein. Da hinten über die Mauer, dann über den Hof und auf der anderen Seite durch die Tür. Easy.
Plötzlich peitschte ein Schuss. Vor ihm explodierte ein Stück Beton. Staub spritzte um seine Beine. Picasso warf sich nach hinten und zur Seite hinter eine Mülltonne. Er landete hart und lauschte. Fak,Wo kam das her, verdammt! „Ich hab nix, ihr könnt Kaugummis haben, wenn ihr wollt!“ rief er. Nichts, keine Antwort! Vorsichtig lugte er um die Tonne herum. Die Gasse sah leer aus, bis auf den kleinen Einschusskrater, der noch immer leicht rauchte. Verstecken bringt nix!
„Okay, ich komm raus und geb ne Runde Kaugummi aus! Wenn ihr auf mich schießt, geb ich nichts ab!“ Picasso war stolz, dass seine Stimme nicht zitterte. Im Gegensatz zu seiner Hand, die noch immer um das Klappmesser in der Tasche geklammert war. Nichts, nur die Geräusche der Stadt. Was war das? Er folgte dem Geräusch, das er gehört hatte. Langsam, ganz langsam Picasso trat vorsichtig um einen großen Müllcontainer und sah den Schützen. An der Hauswand, eingeklemmt zwischen dem Müllcontainer und einem großen Haufen Bauschutt, saß der hässlichste Mensch, den Picasso je gesehen hatte. Der Mann hatte verchromte Zahnimplantate, eine verspiegelte Brille hing ihm schief und zerbrochen im Gesicht. Und er richtete eine große Pistole auf ihn. „Komm…her“ sagte der andere und winkte Picasso mit der Pistole.
„Bruder, ich will keinen Ärger, ich will nur hier durch und ein Bier trinken gehen“, sagte Picasso in möglichst ruhigem Tonfall. „Komm…her!“ Das klang mehr wie ein Befehl, als eine Bitte. Uhoh, der meints ernst! Picasso kam näher, die Hände aus den Taschen und an der Seite herunterhängend. Erschieß mich nicht! Picasso wirkte jetzt wie der harmlose Kerl, dem niemand etwas tun möchte.
Der Mann saß in einer dunklen Pfütze. Blut. Synthetisch. Zu dunkel für echtes. Sein Herz hämmerte. Der Oberkörper war übersät von Einschusslöchern, eine blutige Hand war auf dem Bauch des Mannes und hielt notdürftig Gedärme und Drähte in der Bauchhöhle. Die Beine waren eine Masse aus Knochen, Drähten und Blut.
„Bruder, du brauchst Hilfe“, sagte Picasso und machte schon anstalten wegzurennen und nie wieder zu kommen, da schoß die Hand, die den Bauch zusammenhielt vor und packte ihn hart an der Schulter. Eingeweide, Drähte und Kunststoff ergossen sich auf den Boden Der Mann riss ihn nach vorne, so dass Picasso nur Zentimeter vom Gesicht des Mannes entfernt war. Picasso sah in die blauen Augen, roch das Blut und die Schmierstoffe und wollte sich panisch losreißen, doch die Hand hielt ihn unerschütterlich fest. Eigentlich hätte der Mann schon lange tot sein müssen, aber seine Cyberware hielt ihn an Leben. Das sah Picasso jetzt.
„Hör zu… nicht viel Zeit…“ Okay, okay, ich höre!“ Picasso versuchte, sich loszureißen, aber der Griff war eisern. Wie konnte jemand, der so zerfetzt war, noch so viel Kraft haben? „Name…Ferro…“ Der Mann hustete. Synthetisches Blut spritze auf Picasso. Der Geruch nach Blut, Schmiermitteln und schlimmeren wurde fast unerträglich. „Ferro, alles klar, ich bin Picasso! Du brauchst Hilfe, Bruder. Lass mich..“ „Zu…spät…“ Ferros Griff wurde fester und er versteifte sich. Offensichtlich hatte er Schmerzen Scheiße Scheiße Scheiße Scheiße! „Du…musst…Datenstick…Wanze“. Ferros stimme wurde leiser. „Fak, stirb jetzt nicht, ich muss Hilfe holen!“ Picasso versuchte sich nochmal loszureisen, aber der Griff blieb eisern.
Picasso hörte auf zu strampeln und schaute dem Mann zum ersten Mal ins Gesicht. Die unnatürlich blauen Augen hatten einen Ausdruck, als ob ein Lehrer einen Schüler maßregelt. Nicht das Picasso lange auf der Schule gewesen war. „Hör…mir..endlich..zu.“ Ferro keuchte und wurde ganz ruhig. Fak, wie komm ich jetzt raus. Wie… Ferro atmete tief ein und Picasso hätte sich fast eingeschissen. „Auftrag…Easy…rein raus und gut.“ Ferro driftete wieder weg. Picasso zerrte an dem Arm. Hier komm ich nicht los, die Servos im Arm müssen kaputt sein „Daten holen…Wanze sagte…Managment-Zugang…wichtiger Scheiß“ Ferro atmete schwer rasselnd ein. Irgendwas in seinem innerem knarzte. Ferro hustete wieder Blut. Wie kann der noch leben? Picasso hatte inzwischen aufgehört an dem Arm zu zerren. Wenn er mir seine Lebensgeschichte erzählen will, soll er. Hauptsache der Typ lässt mich dann los!
Wieder Husten, queitschendes Einatmen. „Wieder…raus…KonSec erwartet…Schießerei…Team…tot. “ „Das tut mir leid, Mann! Hör zu, erzähl was mir erzählen möchtest, dann geh ich Hilfe holen! Deal?“ Hoffentlich lässt er mich los, dann nix wie weg hier! “ Ich…fliehen…ZF Biodyne“ Aha, deswegen die Kolonne vorher „Und was ist dann passiert“, fragte Picasso. Er spürte wie der eiserne Griff langsam nachließ. „Il…Il Principe“ !“Was ist El Prinzip?“ Picasso wusste nicht wovon der Mann redete. Offensichtlich kurz vorm Null „Il Principe…ZF Biodyne beauftragt..zu finden…töten“ „Die haben eine Auftragskiller hinter euch hergeschickt?“ Picasso war kein Experte, aber auch er wusste, dass es außergewöhnlich war, wenn ein Konzern einen Auftragskiller hinter ein paar Kontraktoren herschickte. Es gehört doch alles zum Spiel. Klaust du mir was, klau ich dir was! Bisschen Schwund war immer
„Was zur Hölle habt ihr geklaut?“ Weiß…nicht was drauf …“ Ferro hatte die Pistole fallen lassen und hatte nun von irgendwo her einen Datenstick geholt. „Nimm…“ Irgendwas in Ferros Brust quietschte. Er hielt Picasso den Stick hin. „Bruder, ich bin nicht lebensmüde. Ich würde enden wie du. Ich…“ Ferro atmete noch einmal aus, langsam und rasselnd, zuckte kurz, das Quietschen in seinem Inneren hörte auf, dann lag er still. Der Arm der Picasso festgehalten hatte, wurde schlaf und fiel mit einem hörbaren Klingen in die Pfütze aus Blut.
Picasso stand da, unfähig sich zu bewegen. Der Tote starrte ihn mit gebrochenen Augen an. Fak, der ist Null. Sein Blick fiel auf den Stick der zwischen den zerstörten Beinen der Leiche lag. Kann man bestimmt verkaufen! Sandy kannte bestimmt jemanden der Konzerndaten kaufen würde. Und wenn nicht, Picasso kannte auch noch den einen oder anderen von früher.
Picasso bückte sich und hob den Stick auf. Er drehte ihn in seinen Fingern. Was ist auf dir drauf?
Picasso stand da, unfähig sich zu bewegen. Ferro starrte ihn mit leeren Augen an. In der Ferne Sirenen. Mehrere. Kamen näher. Fak, raus hier! Picasso steckte den Stick schnappte sich die Waffe,steckte beides in die Tasche und rannte. Durch die Gasse, durch Hinterhöfe. Einmal musste er sich unter einem alten, verosteten Auto verstecken, als eine Sicherheitsdrohne über ihm auftauchte. Weiter! Ein anderes mal, meinte er eine Gestalt hinter sich bemerkt zu haben. Picasso drückte sich durch die die Lücke in der Wand einer Bauruine und stand nun auf einer belebten Straße. Essensgerüche drangen in seine Nase, er hatte Hunger. Ich bringe Sandy chinesisch mit. Das mag sie.







